Der Geschirrspüler. Oder: Wie Sie vom abstrakten Denken ins Tun kommen

Der Geschirrspüler. Oder: Wie Sie vom abstrakten Denken ins Tun kommen

Ich wage hier einmal ein stereotypisches Vorurteil zum Thema zu machen: Vielen IT-Spezialisten fällt es schwer, einen Geschirrspüler einzuräumen. Der Grund: Die meiste Energie wird darauf verwendet, darüber nachzudenken, wie das optimaler Weise geschehen sollte. Macht es überhaupt Sinn, die großen Teller nach vorne zu stellen? Von wo kommt das Wasser und wie müssen die Schalen gekippt sein, damit sie die größtmögliche Reinigung erfahren? Ist der Geschirrspüler überhaupt sinnvoll konstruiert? Nein! Das Besteck müsste nach oben, welcher Trottel hat das Ding eigentlich entwickelt! Im Übrigen: Viel wichtiger, als den Geschirrspüler einzuräumen, wäre es, draußen das Fahrrad zu putzen, denn das geht nur bei Tageslicht. Den Geschirrspüler kann man auch einräumen, wenn es dunkel ist. So endet die Bitte, mal eben den Geschirrspüler einzuräumen, vielleicht im Ehekrach, denn am Ende ist die Hälfte des Geschirrs halbherzig reingeknallt worden und Sie sitzen draußen und machen das einzig Richtige: Sie putzen das Fahrrad.

Ein bisschen abstrakt kann jeder

Warum ich das schreibe und was das mit IT zu tun hat? Es geht um Abstraktion, genauer: abstraktes Denken. Eine Fähigkeit, die bei den Menschen sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Der kleinste gemeinsame Nenner ist das Zuordnen einzelner Gegenstände zu einer Kategorie. Natürlich wissen wir alle, dass ein Becher ein Trinkgefäß ist. Wir wissen, dass es auch andere Trinkgefäße gibt und Trinkgefäße zur Kategorie „Geschirr“ gehören. Aber ab da variieren die Fähigkeiten stark. Meistens geht es darum, abstraktes Denken zu erlernen, dazu gibt es umfangreiche Literatur. Denn oft wird diese Fähigkeit mit hoher Intelligenz gleichgesetzt. Was aber, wenn man hervorragend abstrakt denken kann, dies aber bei der Umsetzung im Wege steht?

Die IT braucht Abstraktionsvermögen

Viele Gebiete der Informationstechnologie erfordern ein hohes Maß an abstraktem Denken. Ein Programmierer etwa kann nur gut sein, wenn er konkrete Handlungsschritte abstrahieren und in übergeordnete Befehle transformieren kann. Ein guter Datenanalyst versteht die Prozesse eines Wirtschaftsunternehmens auf einer so abstrakten Ebene, dass er Datensysteme daraus entwickeln kann. Das gut zu können ist aber nicht immer nur von Vorteil. Denn gerade zu Beginn der beruflichen Laufbahn geht es oft nicht um die abstrakten Prozesse eines Unternehmens, sondern man ist dafür zuständig, die von anderen erdachten Prozesse umzusetzen (den Geschirrspüler einzuräumen). Und bei fortgeschrittener Karriere geht es oft darum, eigene Entwicklungen so im Unternehmen zu implementieren, dass jeder sie anwenden kann – auch die, die kein ausgeprägtes abstraktes Denkvermögen mitbringen („Das ist doch wohl klar, dass die Teller nach unten und das Besteck nach oben gehören“).

Abstraktion ist Weglassen

Das heißt, für eine erfolgreiche IT-Karriere benötigt man nicht nur abstraktes Denkvermögen (das bringen viele IT-Spezialisten ohnehin mit), sondern eben auch die Fähigkeit zum „Transport“ in die konkrete Handlung. Vielen in der IT erfolgreichen Menschen fällt der zweite Teil schwer. Um das zu lernen, ist es zunächst notwendig, sich den Begriff ‚Abstraktion‘ einmal näher anzuschauen. Abstraktion kommt vom lateinischen ‚abstractus‘, also ‚abgezogen‘, ‚entfernt‘. Damit ist gemeint, dass man beim abstrakten Denken die weniger wichtigen Details auslässt, um komplexe Prozesse auf das Wesentliche zu reduzieren. Im abstrakten Denken steht nicht der einzelne Teller im Vordergrund, sondern die Funktionsweise des Geschirrspülers, bzw. die Funktionsweise aller Geschirrspüler. Oder denken Sie an den Straßenverkehr und stellen Sie sich eine komplexe Kreuzung vor. Wer abstrakt denken kann, kann die Parameter für die Ampelschaltungen so definieren, dass der Verkehr dort fließt, ohne, dass es zu einem Unfall kommt.

Aber: das heißt eben noch lange nicht, dass man sich beim Abbiegen auch wirklich umschaut, um zu prüfen, dass dort niemand steht. Oder dass man den Teller in den Geschirrspüler einfach hineinstellt. Um dies zu tun, muss also gelernt werden, den einzelnen, konkreten Schritten wieder Bedeutung zu geben. Das ist nicht leicht, denn sie wurden ja sorgfältig aussortiert, um zum abstrakten Arbeitsergebnis zu gelangen. Hier liegt aber der Schlüssel zum Tun. Daher gilt:

1.     Geben Sie einzelnen, konkreten Schritten Bedeutung

Es mag Ihnen schwerfallen, aber es hilft nichts. Erst der Fokus auf den einzelnen, konkreten und vielleicht banal erscheinenden Arbeitsschritt ermöglicht es, Ihre abstrakten Prozesse für alle greifbar und damit anwendbar zu machen. Und auch für Sie selbst gilt: Erst, wenn Sie dem von Ihnen aussortierten Detail wieder Bedeutung geben, werden Sie ins konkrete Tun kommen.

2.     Unterlassen Sie die Bewertung in klug und weniger klug

Wer mit Leichtigkeit abstrakt denken kann, dem erscheint die Konzentration auf konkrete Schritte oft derart banal, dass sie mit gedanklicher Schlichtheit gleichgesetzt wird. Diese Bewertung ist jedoch nicht nur falsch, sondern auch hinderlich für Sie selbst. Erst das Zusammenspiel beider Denkweisen bringt Prozesse, Organisationen oder Entwicklungen nachhaltig voran.

3.     Üben Sie sich in Empathie

Wer empathisch ist, kann sich in die Gedanken und Gefühle anderer gut hineinversetzen. Noch immer wird Empathie oft gleichgesetzt mit Gutmenschentum, Mutter Teresa oder einem Helfersyndrom. Dabei ist Empathie längst als Teil von Intelligenz erkannt. In der IT ist sie unerlässlich. Und das auf zwei Ebenen: zum einen, um Ihre Entwicklungen für andere anwendbar zu machen. Und zum anderen für Sie selbst. Wenn Sie verstehen, wie konkret orientierte Menschen denken und handeln, können Sie es selbst ausprobieren. Wichtig dabei: Beobachten Sie andere und probieren Sie deren Handlungsweisen aus. Vergessen Sie dabei nicht Punkt zwei!

4.     Schalten Sie sinnvoll um

Haben Sie das Arbeiten in konkreten, kleinteiligen Schritten gelernt, gilt es, an der richtigen Stelle umzuschalten. Dazu müssen Sie stetig entscheiden, welche Ihrer Fähigkeiten nun gefragt ist. Die Formel lautet: Immer, wenn es um Anwendung geht (durch Sie oder Ihre Organisationsmitglieder), sollte der konkrete Schritt im Vordergrund stehen. Und immer, wenn es um die Entwicklung von Neuem geht, sollten Sie Ihre Fähigkeit zum abstrakten Denken nutzen.

Vielleicht gelingt es Ihnen, beide Denkweisen in Ihren beruflichen Alltag zu integrieren. Und mit ein bisschen Glück schaffen Sie es damit auch vom berühmten Tellerwäscher zum Millionär. Ach so: Bis es soweit ist, werden Sie den Geschirrspüler selbst einräumen müssen.

Sie können beides? Oder sind auf dem Weg dahin? Dann freuen wir uns auf Ihre Bewerbung in der IT! Als fester Mitarbeiter für einen unserer Kunden, als Freelancer, in der Arbeitnehmerüberlassung oder als interner Mitarbeiter bei der top itservices AG. Hier geht es zu unseren offenen Stellen.

 

 

Bildrechte: Menzl Guenter / Shutterstock