Was ist Agilität? Überblick und Methoden Teil II

Was ist Agilität? Überblick und Methoden Teil II

In meinem letzten Blogbeitrag besprach ich das Prinzip Agilität und was sich wirklich dahinter verbirgt und stellte kurz einige Methoden vor, unter anderem Scrum, Kanban sowie Retrospektiven. In diesem zweiten Teil möchte ich dies noch durch die Methoden Design Thinking und Lean Startup ergänzen.

Zur Erinnerung: Agilität meint die Fähigkeit eines Unternehmens oder eines Bereiches, anpassungsfähig und flexibel auf Veränderungen zu reagieren. Damit stellt Agilität die Antwort dar, auf eine zunehmend volatile, unsichere, komplexe und ambivalente (VUKA) Arbeitswelt, in der diese Fähigkeit an vielen Stellen zentral für den Erfolg einer Organisation ist. Neben der methodischen Gestaltung geht es beim Begriff Agilität dabei immer auch um die Kultur, in der agile Projekte gelingen können. Dazu zählen die Verlagerung von Entscheidungskompetenz in die Teams, das Unterlassen von kleinteiligen Anordnungen sowie eine hohe Fehlertoleranz. Bei dieser geht es um das bewusste Einkalkulieren von Irrtümern und Fehlentscheidungen, damit möglichst frühzeitig aus ihnen gelernt werden kann („fail fast“). So kann ein Kurs korrigiert werden, bevor hohe Summen verbrannt sind (Rapid Recovery).

Während ich im letzten Beitrag eher Methoden skizziert habe, die auch in etablierten Umfeldern unter bestimmten Bedingungen funktionieren können, möchte ich heute zwei Innovationsmethoden vorstellen. Auch diese können natürlich in etablierten Unternehmen eingesetzt werden, aber sie dienen nicht der Organisation von Arbeit oder Projekten, sondern es sind reine Innovationsmethoden. Startups verwenden diese ebenso wie Entwicklungsabteilungen von Unternehmen.

Design Thinking

Diese Kreativmethode erfreut sich zunehmender Beliebtheit und wird in vielen Organisationen eingesetzt. Beim Design Thinking-Prozess wird die Entwicklung und Umsetzung kreativer Ideen oder Innovationen gefördert, und zwar so, dass die Bedürfnisse des Nutzers konsequent im Mittelpunkt stehen. Dies wird bereits während des Entwicklungsprozesses immer wieder überprüft und sichergestellt. Damit folgt Desgin Thinking den oben skizzierten agilen Prinzipien.

Ein Design Thinking-Prozess besteht aus sechs Schritten:

1. Verstehen: Was ist eigentlich wirklich meine Fragestellung?

2. Beobachten: Hier wird die Zielgruppe genau untersucht. Über Interviews, Gespräche und Beobachtungen macht sich der Design Thinker ein umfassendes Bild, um die Rahmenbedingungen zu verstehen und die mögliche Zielgruppe in der Tiefe kennenzulernen. Diese Phase unterscheidet Desgin Thinking von zum Beispiel klassischer Marktforschung, denn dies geschieht schon zu einem Zeitpunkt, wenn das Produkt noch gar nicht in der Entwicklung ist. Manche Design Thinker empfehlen sich nicht nur den Durchschnitt, sondern vor allem auch extreme Ausprägungen möglicher Nutzer genau anzuschauen oder solche, die auf den ersten Blick gar nicht in Frage kommen. Der Blick soll hier geweitet werden, damit möglichst vielfältige Impulse geschaffen werden.

3. Point-of-View: Hier werden die gewonnenen Erkentnisse verdichtet. An dieser Stelle wird ein Nutzer mit einem konkreten Bedürfnis definiert. Auf seine Frage oder sein Problem, soll das zu entwickelnde Produkt oder die Innovation eine Antwort sein.

4. Ideenfindung: Das ist der eigentlich kreative Prozess. Durch ein sehr konstruktives und positives Brainstorming im Team, werden mögliche Herangehensweisen diskutiert und visualisiert. Ein umfangreiches Regelwerk stellt sicher, dass Bedenkenträger und Realisten, verkleidete Pessimisten und Zauderer, hier nicht zu viel Raum einnehmen. An dieser Stelle soll möglichst breit gedacht werden, es ist ein offener Brainstormingprozess.

5. Prototyping: Im Anschluss an die Ideenfindung, werden konkrete erste Ideen entwickelt und mit einfachen Mitteln veranschaulicht. Mit diesem Prototyp kann die Idee bereits an der Zielgruppe getestet werden. Auch hier zeigt sich die Grundidee der Agilität: Frühes Testen am Kunden, um Fehler oder Fehlentscheidungen frühzeitig korrigieren zu können.

6. Verfeinerung: Erst jetzt wird das eigentliche Produkt erstellt. Es wird so lange verfeinert und optimiert, bis ein qualitativ hochwertiges, am Nutzerbedürfnis orientiertes, Produkt entstanden ist.

Ich persönlich finde diese Methode sehr interessant und halte viele Grundsätze und Herangehensweisen daraus für schlagkräftig, um Neues zu schaffen. Allerdings auch nur dann. Design Thinking kann nicht verwendet werden, um zum Beispiel bestehende Prozesse zu optimieren. Schon gar nicht, um seinen Arbeitsalltag zu organisieren. Es ist eine echte Innovationsmethode, die eben stärker am Kunden und seinen Wünschen orientiert ist, als es herkömmliche Methoden leisten. Und auch hier – ähnlich wie bei Scrum – gilt: Es passt nur für umfangreichere Projekte. Für kleine Prozesse oder minimale Innovationen ist die Methode zu aufwändig. Und: Der sehr offene Brainstormingprozess (eine Regel darin lautet: „Fördere verrückte Ideen“) gefällt mir, aber spätestens bei der Verfeinerung sollte meiner Meinung nach auch der Blick für das Machbare wieder integriert werden. Sonst kann die Methode zu einem Spaßkonzept werden, dessen Produkte zwar toll sind und den Kundennutzen bedienen, aber vielleicht gar nicht mit den Unternehmensressourcen umgesetzt werden können. Hier kann die gute, alte 6-Hüte-Methode, über die ich vor längerer Zeit bloggte, vielleicht sinnvoll hinzugezogen werden.

Lean Startup

Hierüber schrieb ich schon kurz im Rahmen meines Beitrags über die Business Model Canvas. Es geht darum, mit möglichst wenig Ressourcen ein erfolgreiches Unternehmen zu gründen oder ein Produkt zu entwickeln. Die Methode wurde entwickelt, um zu vermeiden, dass mit viel Ehrgeiz und Begeisterung unter Entstehung umfangreicher Kosten, an einem Produkt „gebastelt“ wird, das hinterher keiner kauft oder an einer Firma, die später keinen Umsatz macht. Um das sicherzustellen, gibt es den so genannten Lean Startup Cycle. Hier geht es darum, schon im frühen Stadium echte Nutzer oder potenzielle Käufer zu treffen und Feedback einzuholen. Denn jede Idee und jede Gründung basiert ja zunächst einmal auf Hypothesen. Das ist auch die Schwäche herkömmlicher, langfristiger Businesspläne. Sie bauen sehr oft auf Hypothesen auf, die erst am Ende des Entwicklungszyklus‘ überprüft werden.

Hypothesen überprüfen

Bei der Lean Startup-Philosophie werden die Hypothesen immer wieder anhand von Feedback überprüft. Dabei wird immer nur jeweils der Teil entwickelt, den man zur Überprüfung der aktuellen Hypothese benötigt. Diese Zwischenstufen des Produktes (oder Dienstleistungsprozesses) nennt man Minimal Viable Product (MVP). Dieses versammelt also alle überprüften Hypothesen so lange, bis es volle Produktreife hat. Erst dann geht es in die tatsächliche Umsetzung oder Produktion. Aus meiner Sicht klingt das etwas einfacher, als es tatsächlich ist. Denn dazu gehört auch, die eigenen Überzeugungen immer wieder zu überprüfen – und gegebenenfalls zu korrigieren. Wer eine Idee für ein Unternehmen, ein Produkt oder einen neuen Prozess hat, dem fällt das oft schwer – schließlich brennt er zumeist für seine Idee und sucht sich daher vielleicht Kunden oder Tester, die diese bestätigen. Für einen wirkungsvollen Lean Startup Cycle ist also eine gesunde Distanz zur eigenen Überzeugung notwendig. Ein Lean Startup ist eigentlich keine eigenständige Methode, sondern ein Ansatz, der sich agiler Methoden bedient.

Es besteht aus drei Teilen:

1. Agile Development

Hier kommen Methoden wie Scrum oder Kanban (s. Teil eins) zum Tragen. Agile Produktentwicklung besteht aus kurzen Entwicklungszyklen mit unmittelbaren, regelmäßigen Feedbackschleifen (ursprünglich aus dem Softwarebereich).

2. Customer Development

Hier wird das Verständnis des Kunden in den Mittelpunkt gerückt. Methoden wie das oben vorgestellte Design Thinking kommen hier zum Einsatz und sorgen dafür, dass kein Produkt oder Geschäftsfeld isoliert vom potenziellen Markt entwickelt wird.

3. Business Model Canvas

Diese habe ich bereits ausführlich in diesem Blogbeitrag vorgestellt. In einer aus neun Teilen bestehenden Übersicht, wird ein Geschäftsmodell schnell und unkompliziert dargestellt und analysiert. Dies verhindert, dass umfangreiche Businesspläne erstellt werden, die letztlich an den Ressourcen-, Kunden-, Lieferanten- oder Marktbedingungen vorbei planen. Ebenfalls wird hier sichergestellt, dass Änderungen sehr schnell in eine Geschäftsmodell-Planung eingebaut werden können.

Lean Startup ist eher eine Philosphie, als eine Methode. Ich finde sie äußerst relevant und bin sicher, dass diese Art zu denken, künftig unsere Geschäftswelt dominieren wird. Sie betrift, wie der Name ja schon impliziert, nur Prozesse und Produkte, die neu sind (beginnen, starten). Für die reine Umsetzung von Prozessen oder für sehr sicherheitsrelevante Unternehmensbereiche ist diese Philosophie nicht maßgeblich. Bei der Vermeidung von Arbeitsunfällen etwa, wird niemand eine „Fail fast-Philosophie“ propagieren und bei der Erstellung von Jahresabschlüssen eignet sich weder Scrum noch Design Thinking. Aber wer heute ein Unternehmen oder eine größere Abteilung führt und agile Methoden und Prozesse nicht verinnerlicht hat, wird kaum mithalten können, in der digital geprägten Arbeitswelt. Daher rate ich denen, die sich bis dato nicht damit befasst haben, dies nachzuholen. Meine beiden Blogbeiträge sind sicher nur kurze Abrisse, aber es gibt zahlreiche vertiefende Seminare und geübte Coaches, die dafür sorgen können, dass diese Methoden in Ihrem Unternehmen an geeigneter Stelle Einzug halten können. Vorausgesetzt, Ihre Unternehmenskultur ist dafür bereit und offen.

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Bildquelle: Brian A Jackson / Shutterstock